Literaturtipps

Archiv des Schreibens

In den kommenden Monaten verspricht Österreich als Gastland der Leipziger Buchmesse 2023 zahlreiche Begegnungen mit österreichischen Autor*innen. Die nachhaltigsten und innovativsten finden in Kooperation mit dem ORF-Fernsehen statt: Es entsteht eine für lineares TV und Online entwickelte Serie mit dem Titel „Archiv des Schreibens“. Was damit gemeint ist? Ein filmisches Archiv österreichischer Gegenwartsliteratur, das zeitgenössische österreichische Autor:innen in ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvoll gestalteten Kurzporträts einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Mit dabei sind etwa Anna Baar, Xaver Bayer, Olga Flor sowie Valerie Fritsch, Maja Haderlap, Teresa Präauer und Robert Prosser.

Geplant sind bis zum März 2023 rund 20 filmische Kurz-Porträts, die ab der Auftaktpräsentation zum  Gastland-Auftritt Österreichs in der vergangenen Woche in Leipzig vom ORF sukzessive veröffentlicht werden. Alle Filme werden dann auf der Leipziger Buchmesse 2023 zu sehen sein: auf dem Messestand wie im Literaturhaus Leipzig.

Das erste Video-Porträt mit Teresa Präauer wurde am 21. März im Kulturmontag in ORF 2 ausgestrahlt.

Tanzen bis die Sätze wackeln

Das Journal zur Übersetzung von Tanz der Teufel von Fiston Mwanza Mujila finden Sie hier.

 

TRADUKI Aufenthaltsstipendium

TRADUKI nimmt wieder Bewerbungen für Aufenthaltstipendien entgegen. Autor*innen, Übersetzer*innen und Literaturexpert*innen können jetzt Anträge stellen. Also, wer Fernweh verspürt und einen Tapetenwechsel benötigt, kann sich für verschiedene interessante Städte bewerben.

Bewerbungen müssen auf unserem Residency Application Portal eingereicht werden.

Bewerbungsschluss ist der 17. April 2022

Weitere Informationen

Podcast: Literaturgespräche mit Katja Gasser

Das Gastland Österreich macht nun mit einem neuen Literatur-Podcast noch mehr Lust auf die Bücher, Menschen und Geschichten aus Österreich.

Unter dem Motto  #meaoiswiamia „Literaturgespräche mit Katja Gasser“ führt die Künstlerische Leiterin künftig zweimal im Monat Gespräche mit österreichischen Autor*innen über das Leben und das Schreiben und darüber, wie beides zusammenwirkt.

In der ersten Ausgabe spricht sie mit dem österreichischen Schriftsteller, Historiker und begnadeten Witzeerzähler Doron Rabinovici. Es geht um Kindheit, Heimat, die Katastrophen der Gegenwart, die Relevanz der Literatur in finsteren Zeiten und über seinen jüngsten Roman „Die Einstellung“ (Suhrkamp Verlag). Ebenfalls gibt Doron Rabinovici einen persönlichen Witzeklassiker zum Besten!

Die nächste Ausgabe ist für den 4. April 2022 geplant: Teresa Präauer ist die Gesprächspartnerin.

Die aktuellen Folgen von „Literaturgespräche mit Katja Gasser“ aus dem Rosa Salon können angehört werden unter:
gastland-leipzig23.at/podcast/

„The Poets’ Sounds“ im Juni 2022

The Poets‘ Sounds entfaltet sich aus dem Grenzbereich zwischen literarischer Sprache und Neuer Musik – einem bislang kaum erkundeten ästhetischen Gebiet. Für dessen Erschließung hat das Literaturhaus Lettrétage in Zusammenarbeit mit dem Kölner SprachKunstTrio sprechbohrer sechs internationale Autorinnen und Autoren gewinnen können. Sie komponieren je ein sprechmusikalisches Werk für drei Sprechstimmen, die durch das Ensemble sprechbohrer musikalisch interpretiert werden. Drei Produktionsworkshops begleiten die künstlerische Arbeit: Hier erkunden die Beteiligten gemeinsam ihre jeweiligen Zugänge und Ansätze, das Potenzial des Instruments Stimme, das klangliche Spektrum von Sprache sowie Fragen der Notation. Im Rahmen eines Konzertes werden die neu entstandenen Stücke vom Ensemble sprechbohrer uraufgeführt, bevor das Publikum sie auch auf Festivals im In- und Ausland erleben kann.

Der Schriftsteller Florian Neuner ist als Kurator an dem Projekt beteiligt, das im Juni in Berlin Premiere haben wird!
Florian Neuner, geboren 1972 in Wels, lebt als Schriftsteller und Journalist in Bochum und Berlin. Seit 2007 gibt er gemeinsam mit Lisa Spalt die Zeitschrift „Idiome“ heraus.

Mehr Informationen finden Sie hier.

 

Österreichischer Buchpreis 2022

„Lesen ist ein großes Wunder.“

Wir stimmen der österreichischen Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) zu, denn wir glauben, dass Literatur Kraft, Mut und Trost spenden kann.

Seit 2016 würdigt der Österreichische Buchpreis zeitgenössische österreichische Autor*innen für ihr Schaffen, das uns so wohl tut. So auch dieses Jahr!

Ab sofort können Verlage bis zum 17. April 2022 aktuelle Werke einreichen. Die Preise sind mit insgesamt 45.000 Euro dotiert.

Hier geht es zur Anmeldung.

 

Marie Gamillscheg „Aufruhr der Meerestiere“

Als Biologin erforscht Luise weitgehend unbekanntes Terrain tief unter dem Meeresspiegel. Doch auch die familiären Abgründe ihres Privatlebens drängen darauf, erforscht zu werden.

Luise ist klug und unabhängig. Die junge Frau hat sich als Meeresbiologin einen exzellenten Ruf erarbeitet, ihr Spezialgebiet: die Meerwalnuss, eine geisterhaft illuminierte Qualle im Dunkel der Ozeane. Als Luise für ein Projekt mit einem renommierten Tierpark nach Graz reisen soll, zögert sie nicht lange. Doch Graz, das ist auch ihre Heimatstadt, da ist die Wohnung ihres abwesenden und plötzlich erkrankten Vaters. Und dort ist die Geschichte einer jahrelangen Sprachlosigkeit und Fremdheit zwischen ihnen.

Soghaft und strömend erzählt die schreibART-Autorin Marie Gamillscheg von der allmählichen Befreiung aus den Zwängen der eigenen Kindheit, des eigenen Körpers und aus den Gesetzen, die andere für einen gemacht haben. Es ist zugleich der Versuch, die Unmöglichkeit einer Beziehung zu erfassen: zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau, Vater und Tochter.

 

Rainhard Kaiser-Mühlecker „Wilderer“

„Die Zeit aufzeichnen, wie ich sie wahrnehme“: Reinhard Kaiser-Mühlecker sprach am 12. April 2022 bei der Deutschland- Buchpremiere seines neuen Romans „Wilderer“ in der Buchhandlung Knesebeck 11 über die Motive und Landschaften, aus denen sein Schreiben entsteht.

In dem gedankenvollen und mitunter auch launigen Gespräch mit Felix Palent ging es dann auch um die Grenzen der Möglichkeiten zwischen Menschen, Kommunikation jenseits der Sprache und gute Gründe fürs Lesen: nämlich die eigene Welt zu vergrößern- wenn schon nicht zu verbessern.

Kaśka Bryla „Die Eistaucher“

 „“Die Eistaucher“, sagte Ras dann. Aus dem Nichts heraus. „Wir sind die Eistaucher“. Verblüfft starrte Jess ihn an. Hatte er ihre Gedanken gelesen? Inga nickte langsam. „Die Eistaucher“, wiederholte sie, um den Namen mit ihrer eigenen Stimme zu hören.“

Inga, Jess und Ras sind Außenseiter*innen und besuchen gemeinsam eine Schulklasse in den 90er Jahren. Die drei Jugendlichen finden sich zu einer verschworenen Gruppe zusammen, die nichts trennen kann. Eines Nachts sind sie zufällige Zeugen eines brutalen polizeilichen Übergriffs, der folgenlos bleibt. Daraufhin bewegen sich die Jugendlichen zwischen den Grenzen der Gerechtigkeit, der Radikalisierung und schlussendlich der Selbstjustiz. Nach zwanzig Jahren taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der das Gleichgewicht zu stören scheint und alte Wunden aufreißt. Die Erzählung stellt die Frage nach der Bedeutung des eigenen Wortes im Laufe der Zeit. Hat das, was ich im Hier und Jetzt verspreche, in zwanzig Jahren immer noch dieselbe Gewichtung? „Die Eistaucher“ von schreibART-Autorin Kaśka Bryla ist ein spannender Roman mit Krimielementen, der vielschichtige Themen aufgreift, wie das Queersein, psychische Erkrankungen und die Verletzlichkeit des Menschen.

Eine Empfehlung für Leser*innen, die sich gerne den Extremen von eiskalt und brennend heiß aussetzen möchten.

Daniel Wisser „Wir bleiben noch“

Mit hinreißend lakonischem Witz erzählt Daniel Wisser von vier Generationen einer Familie, durch die sich die Gräben eines ganzen Landes ziehen. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, der langsam dämmert, dass sich der Traum vom ungebremsten Fortschritt gegen sie wendet. Die Welt um Victor Jarno hat sich verändert – und wie immer hat er es zu spät bemerkt.

Victor ist Mitte vierzig, kinderlos und der letzte Sozialdemokrat in einer Wiener Familie mit sozialistischen Wurzeln bis in die Kaiserzeit. Nur scheint sich niemand daran zu erinnern, selbst seine Mutter und seine Tante hat der politische Rechtsruck erfasst. Mit der Rückkehr von Victors Cousine Karoline aus dem Ausland, flammt eine dreißig Jahre alte heimliche Liebe wieder auf: Beide verachten e-Scooter, Stand-up-Paddling und die regierenden Rechtsparteien.

Doch als aus ihnen ein Paar wird, droht die Familie an dem Skandal zu zerbrechen. Noch dazu vererbt ihnen die Großmutter vor ihrem Tod ihr Haus auf dem Land, in das Cousine und Cousin nun zum Missfallen ihrer Eltern, die das Haus gerne geerbt hätten, einziehen. Was aber lässt sich in einer Welt, in der ihre Ideale im Niedergang begriffen sind und ihre Familie zerbricht, noch retten?

 

Foto: ÖKF Berlin

Sandra Jungmann „Laut und selbstbestimmt. Wie wir wurden, wer wir sind“

Zum Internationalen Frauentag am 08. März 2022 empfehlen wir das neue Buch von Sandra Jungmann. Geboren 1987 in Villach, Kärnten startete sie Alter von 20 Jahren ihre journalistische Laufbahn. Zehn Jahre lang arbeitete sie bei WOMAN – Österreichs größtem Frauen und Lifestylemagazin – und leitete dort das Kulturressort.

In 15 Porträts stellt sie in „Laut und selbstbestimmt. Wie wir wurden, wer wir sind“ eindrucksvolle Charaktere unserer Zeit vor. Junge Feminist*innen, die neue Wege einschlagen. Sie sind Kämpfer*innen für Selbstbestimmung und gegen Diskriminierung. Sie rütteln auf, polarisieren und nehmen sich kein Blatt vor den Mund. (Leykam Buchverlag)

 

Foto: ÖKF Berlin

Elke Laznia „Lavendellied“

Als Einstimmung auf das Poesiefestival Berlin empfehlen Lavendellied von Elke Laznia – ein Prosagedicht, ein „lyrischen Gesang“ über „das alte Lied der Wiederholungen über Generationen“. Elke Laznia würde am liebsten schreiben, ohne etwas zu erzählen, nur neue Formen und Bilder und im Rhythmus der Worte eine unverwechselbare Sprache finden. Und so tauchen Gedanken und Erinnerungen an Eltern, Kinder und Partner aus einem rauschenden Sprachfluss wie Inseln auf.

 

Foto: ÖKF Berlin

Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

»Verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften«, verfügt Friederike Mayröcker in ihrem neuen Prosawerk – aber schon sein Titel legt eine unfehlbare Spur. da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lässt keine Zweifel an dem, was immer noch Tag für Tag zu tun ist: hellwach und neugierig auf die Welt blicken und ihr eine Kunst abgewinnen, die Wörter in Sternschnuppen verwandelt und die Sprache selbst als einen schier unerschöpflichen poetischen Zauberkasten begreift: »meine Texte entstehen durch sich fortpflanzende Augen«, so eines der Geheimnisse, das die Wiener Dichterin ihren Leserinnen und Lesern doch noch preisgibt.

Mag die »Leibhaftigkeit« im hochbetagten Alter auch mühselig geworden sein, mögen die Listen an Wörtern, die mit den Jahren abhandengekommen sind, auch länger werden, wie die Poetin selbst beklagt – »in meinen Träumen bin ich jung, in meinen Träumen bin ich high«, versichert Friederike Mayröcker, und dieses Credo gilt umso mehr für ihre unvergleichliche, grenzenlose und ganz und gar unausdeutbare Dichtung.

Friederike Mayröcker verstarb am 4. Juni 2021 mit 96 Jahren. Einen Nachruf von Björn Hayer lesen Sie hier.

 

Foto: ÖKF Berlin

Nava Ebrahimi „Das Paradies meines Nachbarn“

Schon bevor sie im Juni 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, schrieb die in Teheran geborene, in Köln aufgewachsene und nun in Graz lebende Autorin Literatur, die existentielle Fragen der Menschen anspricht und dabei die ganze Welt enthält – Weltliteratur. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

 

Foto: ÖKF Berlin

Eva Menasse „Vienna“

Botschafter Peter Huber empfiehlt im SZ- Magazin das Buch Vienna von Eva Menasse als einen Roman, der Österreich nahe bringt. In ihrem literarischen Debüt beschreibt sie den Weg einer Wiener Familie mit zur Hälfte jüdischen und zur Hälfte katholischen Wurzeln. Es ist eine mitreißende Erzählung, in der sich auch die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert spiegelt, voller origineller Charaktere, die sich geistreich und mit Humor durch die todernsten Zeiten retten.
Die Buchempfehlung ist in der 28. Ausgabe des Süddeutsche Zeitung Magazin zu lesen.

 

Foto: ÖKF Berlin

Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan

Berühmt wurde er mit seinem 1947 erschienen Gedicht „Todesfuge“;  zu seinem 100. Geburtstag erscheint ein Band, in dem sich Wegbegleiter*innen an den großen Dichter Paul Celan erinnern.

„Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan“, herausgegeben und kommentiert vom Czernowitzer Germanist Petro Rychlo, porträtiert den Dichter als Menschen, als Spiel- und Schulkameraden, Kollegen und Gefährten, als Freund und Geliebten. Anhand teils unveröffentlichter Erinnerungen von 55 seiner Weggefährt*innen, entsteht dadurch ein neues Gesamtbild des Schriftstellers. Rychlo hat alle Texte, Interviews, Briefe, Auszüge aus Büchern und Übersetzungen aus verschiedensten Sprachen nach Schauplätzen angeordnet. So können auch die Leser*innen die Lebensetappen Celans nachvollziehen: Czernowitz, Bukarest, Wien, Paris. Anders jedoch als in den bisherigen Biografien, lässt Rychlo nicht nur einen Erzähler zu Wort kommen, sondern einen ganzen Chor an Stimmen. Stets fließen persönliche selbstreflektierende Elemente in die Erzählungen der Zeitgenoss*innen ein. Moshe Barash, geboren 1920 in Czernowitz, berichtet von seinem Kindheitsfreund Paul, Malzia Fischmann-Kahwe über einen ironischen, Witze reißenden und „seine Ohren bewegenden“ Celan. Auch Bilder des psychisch kranken und von Misstrauen besessenen Dichters, geprägt vom Kollegen und Lektor Jacques Derridas, finden sich im Werk. Das Buch richtet sich daher zu Recht gleichermaßen an Celan-Kenner wie auch an einen breiteren Leser*innenkreis.

Petro Rychlo (Hg.) „Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan“, erschienen am 16. November 2020, im Verlag Suhrkamp.

Carolina Schutti „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“

„Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ – das ist der poetische Titel des neuen Romans der in Innsbruck lebenden Autorin Carolina Schutti. Im Zentrum des Buchs stehen zwei Frauen, die bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam haben: die Suche nach Freiheit.
Unser aktueller Buchtipp kommt diesmal von 3sat inklusive Video, das hier sehen können.

 

Foto: ÖKF Berlin

Clemens J. Setz „Die Bienen und das Unsichtbare“

Der Grazer Ingeborg-Bachmann-Preisträger Clemens J. Setz hat mit „Die Bienen und das Unsichtbare“ ein Buch über das einander Verstehen geschrieben, indem er Plansprachen wie Esperanto oder Blissymbolics, gespickt mit Ausflügen ins Klingonische, erkundet und dabei seine persönliche Geschichte erzählt.

Foto: ÖKF Berlin

Ruth Klüger „weiter leben – Eine Jugend“

„Erinnerung verbindet uns, Erinnerung trennt uns.“
Aus gegebenem Anlass empfehlen wir Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“ über  die Deportation der elfjährigen Tochter eines Wiener Arztes nach Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt und die Schrecken und Brutalität des Nationalsozialismus. Die Bibliothekswissenschaftlerin und Germanistin Ruth Klüger schrieb diese Erinnerungen, die die Erlebnisse und den Überlebenswillen des jungen Mädchens in einer direkten, unsentimentalen Sprache besonders eindrücklich nahebringen, im Alter von 60 Jahren in Göttingen. Das 1992 erschienene Buch war ein großer Erfolg und gehört gemeinsam mit dem zweiten Band ihrer Lebenserinnerungen „unterwegs verloren“ zu einem der bedeutendsten und bewegendsten Bücher der „Erinnerungsliteratur“.
Ruth Klüger lehrte in Princeton und an der University of California in Irvine; Göttingen, „die Stadt, in der sie zur Schriftstellerin wurde“, wurde ihre Drittheimat – neben den USA und dem siebenten Wiener Gemeindebezirk. Die Wissenschaftlerin und Kleist-Spezialistin Ruth Klüger war auch Feministin und schrieb zwei weitere Bücher, die wir sehr empfehlen: „Frauen schreiben anders“ und „Frauen lesen anders“. Ruth Klüger starb in Kalifornien kurz vor ihrem 89. Geburtstag.

 

 

Doris Knecht „Die Nachricht“

Souverän, digital affin, erfolgreich und liebevoll eingebunden in Familie und Freundeskreis erhält die Heldin anonyme, beleidigende, bedrohliche Nachrichten; auch wenn bald deutlich wird, wer dahinterstecken könnte, bleibt die Spannung bis zuletzt aufrecht, und eigentlich auch darüber hinaus, denn wie ist dem beizukommen? Fesselnd und großartig erzählt! Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

Foto: ÖKF Berlin

Ljuba Arnautovic „Im Verborgenen“

Eine Familiengeschichte, die im alten Österreich beginnt, von Tschechien, Bosnien, dem Austro-Faschismus und Kommunismus erzählt und auch noch das 20. Jahrhundert umfasst, mit einer Frau im Zentrum, die die Großmutter der Autorin ist und die mehr erlebt, erträgt und bewegt als eigentlich in ein Frauen-Leben passt. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

Foto: ÖKF Berlin

Barbara Frischmuth „Dein Schatten tanzt in der Küche“

So schöne, berührende Geschichten von Frauen, ja man wünschte, sie könnten in der Küche tanzen und müssten nicht traurig sein, aber sie behaupten sich je auf ihre Weise, wie im wahren Leben. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

 

Foto: ÖKF Berlin

Angela Lehner „2001“

Angela Lehner wurde mit ihrem Erstlingswerk „Vater unser“ mit unter anderem dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2019 ausgezeichnet. Ihr zweites Werk „2001“ ist ein kluges und komisches Porträt der Generation Y, angesiedelt in einer österreichischen Kleinstadt namens „Tal“. Die Jugendlichen der „Restmüll“-Klasse nehmen an einem Experiment ihres Geschichtelehrers teil, das kläglich scheitert, ihnen aber auf eigentümliche Weise hilft, ihre Rolle in der Welt zu finden.

Zu Angela Lehners „2001“ gibt es gar eine eigene Spotify-Playlist, zusammengestellt vom Hanser-Literaturverlag. Ein Literaturvergnügen für alle Sinne!

 

Foto: ÖKF Berlin

Karl Kraus „Der Widersprecher“

Umfangreich und umfassend, alles, was es über den berühmten und berüchtigten Schriftsteller – „ den größten und strengsten Mann“ im damaligen Wien – zu wissen gibt, von Jens Malte Fischer sachkundig und wunderbar lesbar geschrieben. Was hat uns der „Widersprecher“ heute zu sagen? Er setzte sich permanent kritisch und kompromisslos mit dem sozialen, politischen und kulturellen  Geschehen seiner Zeit auseinander, orientierte sich dabei immer wieder neu, irritierte damit auch Freund und Feind. Und er fand dafür in seinen Werken eine einzigartige Sprache, gnadenlos, satirisch  und geist- reich:  „Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit überflügeln. Er muss mit einem Satz über sie hinauskommen.“ Er kommt tatsächlich über sie hinaus, mit Leichtigkeit und wirkt bis in unsere Zeit.

 

Foto: ÖKF Berlin

3 Bücher über das Reisen

Die Unmöglichkeit zu reisen, wie wir es kennen, ist eine der Einschränkungen der Corona-Pandemie, die uns besonders zu schaffen macht, denn „beim Reisen begegnet man neben dem Fremden auch sich selbst“. So empfehlen wir erneut, zu Büchern zu greifen, die uns auf Reisen mitnehmen, Reisen an fremde Orte, in andere Zeiten, in die Leben und Gedanken, in die Literatur und Sprache dreier bedeutender österreichischer Dichter:

Karl-Markus Gauß nimmt uns an unbekannte Orte mit, wie nach Berat in Albanien, Odessa und in das „eiserne Herz des Waldviertels“, zu erstaunlichen Menschen wie einem muslimischen Sommelier und reflektiert in seiner feinsinnigen Sprache über Demut und die Sprache der Politik. Und findet in den kleinen, meist unbeachteten Details der Wirklichkeit so etwas wie Wahrheit. Ein großer Literat, wie er es ist, kann das!
Karl-Markus Gauß, Die unaufhörliche Wanderung, Paul Zsolnay Verlag, 2020

„Die große Strasse“ von Peter Rosei, erschienen 2019 im Residenz Verlag, versammelt Aufzeichnungen zu seinen Reisen aus 50 Jahren, nach Asien, in die Amerikas und durch Europa. Aber wie das so ist mit Reisen, werden die Aufzeichnungen darüber auch zu einer Lebensgeschichte, einem Logbuch, wie er schreibt. Denn „nebenbei ist hier zu sehen, wie einer wurde, wie er ist.“

Auch die neue Textsammlung des Büchner-Preisträgers Josef Winkler kann man wohl als eine Lebensgeschichte lesen, in der seine Reisen, seine Herkunft aus Kärnten  und seine Lektüren mit Hilfe seiner großen, preisgekrönten Sprachkunst zusammen kommen: er zitiert und experimentiert, probiert aus, und „auch wenn sie oft vom Tod erzählt, so atmet und lebt seine Sprache doch wie wenige“.
Josef Winkler, Begib Dich auf die Reise oder Drahtzieher der Sonnenstrahlen, Suhrkamp Berlin, 2020

Werke von Alfred Kolleritsch

Wir gedenken Alfred Kolleritsch, der im Alter von 89 Jahren am 29. Mai 2020 in Graz gestorben ist. Der Mitbegründer des Grazer „Forum Stadtpark“ und Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“ war eine der zentralen Figuren im österreichischen Literaturbetrieb. Er wird uns auch mit seinen Gedichten und Romanen in Erinnerung bleiben.

Foto: ÖKF Berlin

Johanna Maier „Meine gesunde Küche“

Träumen Sie in diesen dunkelgrauen Tagen auch von blühenden Sommerwiesen, duftenden Wildkräutern und frisch geerntetem Obst und Gemüse? Ein Stückchen näher kommen wir dem Traum – wie so oft – ,wenn wir zunächst ein Buch in die Hand nehmen: in diesem Fall „Meine gesunde Küche“ von Johanna Maier.
Die vielfach preisgekrönte „beste Köchin Österreichs“ weckt mit diesem schön geschriebenen und gestalteten Buch nicht nur die Lust am Kochen und Genießen; sie vermittelt auch Grundwissen über Kräuter, Gewürze und Lebensmittel und natürlich auch eine Reihe „Rezepte für jeden Tag“, die zeigen, dass gesunde Ernährung köstlich schmeckt und gar nicht schwer zu bewerkstelligen ist. Lassen Sie sich inspirieren von den mit leichter Hand und großer Überzeugung geschriebenen Gedanken zu gesunder Ernährung, Sinnenfreuden und Leben im Einklang mit der Natur, bevor Sie dann natürlich irgendwann in die Küche entschwinden wollen, um endlich einen „richtigen“ Kaiserschmarrn zu machen.

Text & Foto: Denise Quistorp

Daniel Kehlmann „Mein Algorithmus und Ich“

Lange musste der österreichisch-deutsche Autor Daniel Kehlmann nicht überlegen, ob er die Einladung von Open Austria im Februar 2020 annehmen sollte. Ein Computer als zukünftiger Co-Autor, das könnte die Zukunft sein!
So reiste er ins Silicon Valley, um mit einer von dem US-Wissenschaftler und Philosophen Bryan McCann entwickelten Künstlichen Intelligenz, genannt CTRL, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Das Experiment scheiterte und war doch kein Misserfolg, denn was bleibt, ist der Erkenntnisgewinn. Daniel Kehlmann spricht in seiner nun in Buchform erschienen „Stuttgarter Zukunftsrede“ über das Wesen des Geschichtenerzählens, das sprachliche Intelligenz und emotionales Bewusstsein erfordert, die ein Algorithmus wohl nie in der Form wie sie Menschen aufbringen, erreichen kann.

Der Autor war der erste Redner der „Stuttgarter Zukunftsrede“ am 09. Februar 2021. Die vom Literaturhaus Stuttgart initiierte Reihe will damit öffentliche Reflexionen zur Zukunft ermöglichen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir alle in ein gestaltendes Verhältnis zu ihr treten können und sollen.

 

Foto: ÖKF Berlin

Christoph Ransmayr „Cox oder Der Lauf der Zeit“ und „Atlas eines ängstlichen Mannes“

Cox oder Der Lauf der Zeit: Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann.

Atlas eines ängstlichen Mannes: Eine einzigartige, in siebzig Episoden durch Kontinente, Zeiten und Seelenlandschaften führende Erzählung. »Ich sah…«, so beginnt der Erzähler nach kurzen Atempausen immer wieder und führt sein Publikum an die fernsten und nächsten Orte dieser Erde. Wie Landkarten fügen sich dabei Episode um Episode zu einem Weltbuch, das in atemberaubenden Bildern Leben und Sterben, Glück und Schicksal der Menschen kartographiert.

Wir gratulieren Christoph Ransmayr herzlich zum Ludwig-Börne-Preis 2020 für herausragende Essays, Kritik und Reportagen, den ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 8. August 2021 im Schloss Bellevue in Berlin verlieh. Die vollständige Laudatio zum Nachlesen finden Sie hier.

Foto: ÖKF Berlin

Philipp Blom „Wo die Drachen wohnen“

Eigentlich war geplant, dass der deutsche Schriftsteller und Historiker Philipp Blom die österreichische Auslandskulturtagung 2020 mit einer Rede eröffnet. Da sich in Zeiten der Pandemie jedoch wenig als planbar und vieles als ungewiss erwies, fand die Veranstaltung und damit auch ihre Eröffnungsrede nie statt.

Nichtsdestotrotz möchten wir Ihnen Philipp Blom’s bemerkenswerten Essay mit dem Titel „Wo die Drachen wohnen“ nicht vorenthalten. Er schreibt darin über die Bedeutung von Karten, die wir für unsere Orientierung benötigen, um den Überblick nicht zu verlieren. Gleichzeitig setzt er sich kritisch mit dem bestimmenden Faktor von Kartografie auseinander, nämlich immer nur Ausschnitte der Realität zu zeigen, Vereinfachungen mit zu großen Maßstäben oder Details, die vom Weg abbringen. Ganz zu schweigen von den noch unerklärten, unentdeckten und unbekannten Ecken einer Karte, symbolisch dargestellt mit den Orten „wo die Drachen wohnen“, mit Drachen als Bilder der scheinbaren Gefahr des Unbekannten und mit der magischen Anziehungskraft des zu Entdeckenden.

Dieser Essay darf als Aufforderung verstanden werden, sich selbst als Kartografin und Kartograf der Zukunft zu betätigen und gleichzeitig bestehende Landkarten, Erklär- und Denkmuster sowie Wege und Irrwege unserer Zeit zu hinterfragen.

„Wo die Drachen wohnen“ von Philipp Blom können Sie hier nachlesen. 

Foto: ÖKF Berlin

Renate Welsh „Die alte Johanna“

In der Fortsetzung des berühmten Jugendbuchs Johanna ist die Titelheldin zwar gealtert, aber als Frauenfigur ganz zeitlos und hat uns auch im 21. Jahrhundert noch viel zu sagen: mit ihrer Menschlichkeit, ihrer Liebe, ihrem Verstand und ihrer unbeirrbaren inneren Sicherheit darin, was richtig und falsch ist. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

Foto: ÖKF Berlin

Arno Geiger „Unter der Drachenwand“

Auf feinfühlige, detailreiche und einzigartige Weise erzählt Arno Geiger die Geschichte eines jungen schwerverwundeten und innerlich zerrissenen Wehrmachtsoldaten, der seine Zeit zur Genesung in Mondsee im Salzkammergut verbringt. In fiktiven Briefen und Tagebucheinträgen schreibt der Autor über die Absurdität des Krieges, die Hoffnung auf ein baldiges Ende und den Wunsch nach einem normalen Leben.

Foto: ÖB Berlin

Graphic Novels zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens

Pünktlich zum 250. Geburtstag einer der einflussreichsten Komponisten aller Zeiten erschienen drei Graphic Novels, die ein ganz neues Bild Ludwig van Beethovens zeigen.
In „Goldjunge. Beethovens Jugendjahre“ erzählt Mikael Ross von der Kindheit und Jugend des Meisters in dynamischen Passagen, die durch ihre fabelhaften Kolorierungen bestechen.
Moritz Stetter zeichnet in „Mythos Beethoven“ den Weg des Komponisten zum bis heute anhaltenden Weltruhm. Dabei konzentriert er sich in den eindrucksvollen Illustrationen auf die Emotionen, die Beethovens Musik auslöst.
Peer Meter und Rem Broo nähern sich in „Beethoven. Unsterbliches Genie“ auf tragisch-komische Weise Geschichten über die Zeit nach dem Tod des Komponisten, die noch heute durch Wien geistern und von denen manche sogar wahr sein sollen

Georgi Gospodinov „Physik der Schwermut“

Georgi Gospodinov stellt in „Physik der Schwermut“ (Verlagshaus Droschl, Übersetzung Alexander Sitzmann) Fragen, über die nachzudenken sich lohnt. Mal komisch, mal melancholisch, auch irrsinnig mutet sein großer Roman an, der uns oft erstaunt zurücklässt. Seine Alltagsbeobachtungen, seine Kenntnis der Altgriechischen Mythen, die philosophischen Exkurse und Experimente in der literarischen Form regen zum Weiterlesen, Weiterbilden und Weiterfragen an.

Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov und der Übersetzer Alexander Sitzmann sind Teil des TRADUKI-Netzwerkes, das mit den Mitteln der Literatur, durch Bücher, Übersetzungen, Festivals, Workshops und Residenz-Programme für Autor*innen und Übersetzer*innen den Südosten Europas mit dem deutschsprachigen Raum und seiner Literaturwelt verbindet.

Raphaela Edelbauer „DAVE“

Raphaela Edelbauer präsentierte im Literaturhaus Berlin ihren Roman DAVE. Sie geht darin mit den Mitteln ihrer Sprache der Frage nach, wie es wäre, einen Computer mit menschlichem Bewusstsein auszustatten- aber letztlich geht es darum, herauszufinden, was Menschlichkeit ausmacht. In der Reihe Wissenschaft trifft Literatur sprach sie mit der Professorin für Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie Catrin Misselhorn über die Möglichkeiten der Fortentwicklung des Menschlichen in eine Maschine und ob Technik wirklich alle unsere Probleme lösen kann. Das Buch finden Sie hier.

Sebastian Janata „Die Ambassadorin“

Hugo Navratil kommt aus Berlin zum Begräbnis seines Onkels Beppo in sein burgenländisches Heimatdorf zurück, in eine Gegend, die „arm an geistigem Kapital, umso reicher ist an Wein und Kirschen“. Kein Idyll also, obwohl Spätsommer ist und die Traubenernte (Zweigelt, Grüner Veltliner) begonnen hat und bei der Buschenschank (die keine ist) „ausg’steckt“ ist. Eines der Dörfer, von denen wir nur allzu gut wissen, weshalb wir sie verlassen haben, sobald wir erwachsen waren; aus denen wir aber dem Gefühl nach herkommen, nach denen wir uns vielleicht sogar sehnen oder uns vorstellen, irgendwann wieder einmal dort zu sein. Aber das ginge nur, wenn zuvor geklärt würde, wer die beiden Damen an Onkel Beppos Grab sind, was es mit dem ältesten, schönsten Haus im Ort auf sich hat und vor allem mit einem antiken Gewehr Onkel Beppos, nach dem alle suchen (Tipp: Cherchez la femme!).

Es ist eine verblüffende Geschichte, die Sebastian Janata, der als Musiker und Autor in Berlin und Wien lebt, da in seinem zweiten Buch erzählt. Und er findet dafür eine höchst treffende Form und Sprache: mit Rückblenden, die die Spannung aufbauen, mit großartigem Witz in skurrilen Situationen, die auch ein grelles Schlaglicht auf die österreichische Geschichte und Gegenwart werfen und mit bilderreichen Beschreibungen von Land und Menschen, gnadenlos-direkt, aber auch poetisch-liebevoll.

Foto: ÖKF

Stefan Slupetzky „Im Netz des Lemming“

Nachdem sich im Beisein des Ex-Kriminalbeamten ein elfjähriger Junge nach einem letzten Blick auf seinen Social Media-Account aus Verzweiflung von einer Brücke stürzt, beginnt für Leopold „Lemming“ Wallisch ein Kampf, für den er nicht gerüstet ist. Er muss sich gegen einen „Scheißsturm“ wehren, der seine Familie und ihn auch abseits des Netz bedroht, gegen die Boulevardpresse, deren Urteile sich wie die Fahnen im Wind drehen und gegen korrupte Politiker. Ganz nebenbei soll er auch noch ein Verbrechen aufklären.

Stefan Slupetzky schaut in der Fortsetzung seiner Lemming-Reihe, deren erster Teil mit Fritz Karl und Roland Düringer in den Hauptrollen auch verfilmt wurde, wieder ganz genau hin – und deckt die Missstände unserer Zeit mit bissigem Humor, verpackt in einem packenden Krimi auf.

Foto: ÖKF

Barbara Rieger „Reigen Reloaded“

„Geschrieben hab ich den ganzen Winter über nichts als eine Scenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber, nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten würde.“
Ob Arthur Schnitzler wohl gedacht hätte, dass sein bekanntestes und skandalträchtigste Stück „Reigen“ im 21. Jh. neu adaptiert werden würde? Nachdem er selbst ob der Furore, die seine zehn erotischen Dialoge 1896 bei der Uraufführung in Berlin auslösten, weitere Aufführungen verbat?

Barbara Rieger wagt den Versuch, noch dazu in Prosa: In „Reigen Reloaded“ reichen sich zehn österreichische Schriftsteller*innen die Hand, ganz der Struktur des Tanzes folgend. Sie selbst, Gertraud Klemm, Gustav Ernst, Daniel Wisser, Bettina Balàka, Michael Stavarič , Angela Lehner, Martin Peichl ,Thomas Stangl und Petra Ganglbauer spinnen im Stille-Post-Verfahren Episode für Episode weiter und man kommt nicht umhin, sich zu fragen – was hat sich denn in diesen 100 Jahren verändert? Handys erleichtern die „Pantscherl“ (Affäre), Kameras decken sie auf, aber damals wie heute gilt: Liebe, Sex und Macht haben immer Saison.

Foto: ÖKF Berlin

Valerie Fritsch „Herzklappen von Johnson & Johnson“

Alma und Friedrich bekommen ein Kind, das keinen Schmerz empfinden kann. In ständiger Sorge um ihren Jungen, ist es vor allem Alma, die ihn unaufhörlich auf körperliche Unversehrtheit kontrolliert. Jeden Abend tastet sie das Kind ab, um keine Blessur zu übersehen. Und nichts fürchtet die junge Mutter mehr als die unsichtbare Verletzung eines Organs, die ohne ein Zeichen bleibt. Halt findet Alma bei ihrer Großmutter, die jetzt, hochbetagt und bettlägerig und nach lebenslangem Schweigen, zu erzählen beginnt: vom Aufwachsen im Krieg, von Flucht, Hunger und der Kriegsgefangenschaft des Großvaters. Mit dem Kind auf dem Schoß, das keinen Schmerz kennt, sitzt Alma am Bett der Schwerkranken, die sich nichts mehr wünscht, als ihren Schmerz zu überwinden. Und in den Geschichten der Großmutter findet sie eine Erklärung für jene scheinbar grundlosen Gefühle der Schuld, der Ohnmacht und der Verlorenheit, die sie ihr Leben lang begleiten.

Foto: Martin Schwarz/ Suhrkamp Verlag

Oliver Rathkolb „Schirach. Eine Generation zwischen Goethe und Hitler“

Oliver Rathkolb bereitet die Biografie Baldur von Schirachs, 1930 zum Reichsjugendführer ernannt, auf. Der Professor für Zeitgeschichte leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der Zeit des Austrofaschismus, indem er beispielsweise die Rolle Baldur von Schirachs in der österreichischen Kulturpolitik untersucht. Der Günstling Hitlers habe zum Opfermythos des Landes beigetragen, indem er die „Wiederbelebung der klassischen österreichischen Kulturtraditionen“ zur Propagierung der NS-Herrschaft benutzte. So hätte sich ein Überlegenheitsgefühl der Wiener*innen etabliert, die sich aufgrund ihres Erbes aus der k.u.k-Zeit als erhabene „Kulturdeutsche“ empfanden. Im kollektiven Empfinden grenzte man sich damit von den deutschen Tätern ab und verzögerte dadurch die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg und Holocaust.

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Stefan Kutzenberger „Jokerman“

„Es ist allerdings entscheidend, dass wir während der Lektüre freiwillig darauf verzichten, an der Realität des Erzählten zu zweifeln. Das ist der große Unterschied zur plumpen Lüge.“

Und wir lassen uns liebend gern darauf ein, wenn uns der österreichische Autor Stefan Kutzenberger in seinem autofiktionalen Roman „Jokerman“ auf eine abstruse Reise mit Bob Dylan, Amy Winehouse, Salman Rushdi, Hillary und Bill Clinton und natürlich Donald Trump nimmt. Denn es gilt, Weltgeschichte zu schreiben!

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Stefanie Sargnagel „Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin“

Dieser Buchtipp ist eine Ode an Wien. An das Wien der Augustinverkäufer*innen, der Kellerlokale, der Kieberer, des Gürtels und des Georg Kreislers.

„Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin“ ist der viel beachtete Debütroman der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel. Darin streift die jugendliche Protagonistin Steffi durch die Straßen, Bahnhöfe, Parks und verrauchten Beisln Wiens, auf der Suche nach dem echten Leben. Nicht jenem, das ihr das überholte Schulsystem oder die Gesellschaft als erstrebenswert aufdrängen wollen. Mit der typisch wienerischen Nonchalance und der Gabe, alltägliche, oft unbeachtete Gegebenheiten in prägnante Erzählungen zu verpacken, begeistert Sargnagel in diesem Buch über erste Male, Freundschaft und vermeintlich gescheiterte Existenzen, die eigentlich liebenswerte Sonderlinge und „Originale“ sind.

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Eva Rossmann „Vom Schönen Schein. Mörderische Geschichten“

Die Idylle trügt! Die österreichische Autorin Eva Rossmann ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Kriminalromane. In ihrem neuen Erzählband „Vom schönen Schein. Mörderische Geschichten“ blickt sie nun voll Ironie und Suspense hinter Hochglanzfassaden und Urlaubsidyllen auf Sardinien, in der Karibik, in Wien und im Weinviertel. Rätselhafte Morde lassen den oberflächlichen Glanz bröckeln, ein konsumkritischer Philosoph wird von radikalen Klimaaktivisten bedroht und verschwindet, auf der Traumhochzeit zweier Spitzensportler stirbt überraschend der Bräutigam, eine engagierte Bürgerwehr auf Sardinien hat nicht nur Gutes im Sinn.
Eva Rossmann (*1962 in Graz) lebt im Weinviertel/Österreich. Sie ist Verfassungsjuristin, politische Journalistin, Köchin, Drehbuchautorin, TV- und Radio-Moderatorin des ORF und seit 1994 freie Autorin und Publizistin. Für ihr feministisches Engagement wurde sie im Jahr 2000 vom PR-Verband Österreichs zur »Kommunikatorin des Jahres« gewählt. Eva Rossmann veröffentlichte zahlreiche Sachbücher und Kriminalromane zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen.

Erschienen im Folio Verlag.

Sandra Gugić „Zorn und Stille“

Sandra Gugić gelingt mit ihrem zweiten Roman ein kluges intimes Familienporträt, in dem die große Frage „Was ist Heimat?“ drei Generationen beschäftigt.
Die Protagonistin Biljana Banadinović flüchtet mit 17 Jahren aus dem Elternhaus, das nur darauf bedacht scheint, als Migranten in Wien ja nicht aufzufallen. In Berlin und Budapest fühlt sie sich frei von allen Konventionen und entfaltet sich künstlerisch unter dem Namen Billy Ban. Doch ihrer serbischen Herkunft und dem plötzlichen Verschwinden des Bruders kann sie sich nach dem Tod des Vaters und dessen letzten Wunsch endgültig nicht mehr entziehen.

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